Ich erinnere mich noch gut daran, welche Wirkung der Audi A2 bei seiner Premiere 1999 hatte. Man könnte ihn schlicht als Gegenentwurf zur ersten Mercedes-Benz A-Klasse (W168) sehen, die zwei Jahre zuvor erschienen war – aber das würde ihm nicht gerecht. Der A2 war deutlich mehr als nur ein Konkurrent.
Viele verstanden den Audi A2 als komprimiertes Paket aus Technik und Gestaltung. Nicht wenige betitelten ihn als Auto der Zukunft – das 21. Jahrhundert stand ja direkt vor der Tür… –, in der Fahrzeuge leichter und damit sparsamer sein würden. Gleichzeitig sollten sie dank besserer Raumausnutzung (und damit trotz kompakten Aussenmassen) alltagstauglicher werden: ermöglicht durch Fortschritte beim Packaging, in der Aerodynamik und bei den Materialien.
Wie sehr sie (weitgehend) danebenlagen…
Audi A2: Aluminium, Aerodynamik und kompromissloses Konzept
Als erster Kompaktwagen wurde er vollständig aus Aluminium gebaut – eine Lösung, die man damals im Grunde nur vom A8 kannte, dem absoluten Spitzenmodell aus Ingolstadt, und vom … Honda NSX.
Diese Aluminiumkonstruktion (Audi Space Frame) wurde zu einem der prägenden Merkmale des A2. Das zweite war ein Design, das konsequent den aerodynamischen Vorgaben folgte: ein Kamm-Heck und ein Cx von nur 0,28. Dazu kam eine strenge, sehr präzise Ästhetik, bei der Linien und Flächen aussergewöhnlich sauber ausgearbeitet waren.
Wie die erste A-Klasse war auch der A2 konzeptionell brillant – nur zeigte der Audi eine Ausführungsqualität, von der der Rivale aus Stuttgart höchstens träumen konnte. Der Audi A2 war nicht bloss ein Auto, sondern ein klares Manifest.
Leichtbau, Effizienz und ein erstaunliches Platzangebot
Der Audi Space Frame aus Aluminium machte ihn sehr leicht. Praktisch alle Varianten blieben unter einer Tonne; die leichtesten Versionen, der 1.4 (Benzin) und der extrem sparsame 1.2 TDI 3L, rutschten sogar unter 900 kg. Diese geringe Masse half, die Fahrleistungen trotz eher bescheidener PS-Zahlen auf einem ordentlichen Niveau zu halten – und den Verbrauch auf ein verblüffend niedriges.
Die MPV-Karosserie in Kombination mit dem gelungenen Packaging bedeutete: viel nutzbarer, variabler Raum für Passagiere und Gepäck. Damit übertraf er die damaligen kleinen Familienautos problemlos – und sogar einige heutige. Und das trotz sehr kompakter Abmessungen: nur 3,82 m Länge und 1,67 m Breite. Der Kofferraum mit 390 l liegt zum Beispiel über den 380 l eines aktuellen Audi A3.
Innen war er unverkennbar … Audi: klar in den Formen, hochwertig bei Materialien und Verarbeitung. Das war kein kleiner Wagen, der auf billig getrimmt wurde – es war ein Audi wie die anderen, nur im Kleinformat.
Die Medien liessen nicht lange auf sich warten, und der Tenor fiel kaum positiver aus: gelobt wurden besonders Platz, Komfort, Fahrverhalten und Kraftstoffökonomie. Nur: Die Begeisterung der Presse sprang nicht auf den Markt über.
Der Audi A2 war ein «Flop»…
Über die sechs Jahre seiner Laufbahn (1999–2005) wurden knapp 177’000 Exemplare verkauft. Zum Vergleich: Der grösste Konkurrent, die erste A-Klasse, kam auf 1,1 Millionen Einheiten. Für Audi war das finanziell schmerzhaft – die Verluste lagen bei rund 1,3 Milliarden Euro…
Die Ursachen für den Misserfolg waren vielfältig. Zum einen war da das Design: so fortschrittlich und so meisterhaft umgesetzt es auch war, es polarisierte und galt vielen schlicht nicht als attraktiv. Vor allem aber war da der Preis.
Ein komplett neu entwickeltes Auto für ein eher niedriges, preissensibles Segment zu bauen – und dabei Materialien sowie Fertigungstechniken einzusetzen, die man sonst bei Luxuswagen und Sportlern fand –, das konnte nicht günstig enden.
Die Herstellungskosten des Audi A2 lagen über denen eines Volkswagen Golf, was sich zwangsläufig im Verkaufspreis niederschlug – etwas, das sich für viele nur schwer rechtfertigen liess.
Ein weiterer Punkt war die Aluminiumkarosserie: Dellen zu reparieren konnte ein kleines Vermögen kosten. Heute, mit dem Wertverlust, würde eine Versicherung vermutlich eher auf Totalschaden entscheiden, als ein beschädigtes Karosserieteil instand zu setzen.
Trotzdem: Wer heute noch einen hat, gibt ihn oft nicht mehr her – wegen genau jener Eigenschaften, die ihn definieren und die nach wie vor zählen wie damals. Ein einzigartiges Auto: kompakt, geräumig, extrem sparsam und mit langlebiger Qualität? Schwer, dem zu widerstehen – und zweifellos ein künftiger Klassiker.
Noch relevant? Natürlich…
Wenn man den heutigen Automarkt betrachtet – mit den strengen Anforderungen bei Emissionen und damit auch beim Verbrauch –, wären Fahrzeuge nach dem Muster des Audi A2 eigentlich eine naheliegende Antwort. Doch stattdessen entschieden wir uns für den gegenteiligen Weg.
Autos wurden in alle Richtungen grösser, und Crossovers sowie SUV überschwemmten den Markt – Karosserieformen, die kaum weiter entfernt sein könnten von allem, was die Entwicklung des A2 geprägt hat.
Trotz seines kommerziellen Flops und der experimentellen Aura, die ihn begleitete, ist der A2 nicht nur weiterhin relevant: Er war auch wichtig, um Audi als technologische Machtdemonstration zu etablieren – und als ernsthaften Rivalen der bereits stärker verankerten Mercedes-Benz und BMW.
Auf ihn folgte der konventionellere, abgeleitete A1, der am Markt und auch in den Audi-Kassen deutlich besser ankam. Vergessen hat Audi den A2 dennoch nicht.
2011 zeigte die Marke ein Concept, das den Namen A2 und seine Grundideen wieder aufgriff, sie jedoch in eine Zukunft übertrug, die klar elektrisch gedacht war. 2019, mit Fokus auf autonomes Fahren, präsentierte Audi dann den AI:Me: deutlich expressiver gezeichnet, aber von vielen als möglicher künftiger A2 interpretiert.
Der nächste Verwandte der Idee: BMW i3
Am nächsten an das Konzept, das den A2 einst definierte, kommt heute allerdings kein Audi, sondern ein … BMW. Der BMW i3 wollte ebenfalls Antworten auf die Herausforderungen der Zukunft geben – mit neuen Materialien (Carbonfaser) und neuen Fertigungsmethoden, um die Nachteile des hohen Gewichts von Elektroautos (schuld sind die Batterien) abzumildern, das die Reichweite beeinträchtigt.
Auch er setzt auf eine monovolumenartige Form, wirkt stilistisch aber deutlich ausdrucksstärker und steht damit weit weg von der Strenge und Zurückhaltung des A2 – und ist, wie dieser, alles andere als unumstritten. Die Parallelen reichen weiter: Kosten, Preis und Verkaufskarriere verliefen ebenfalls nicht ideal. Und genauso wie der A2 scheint auch er keinen direkten Nachfolger zu bekommen.
Über «Ruhmestaten der Vergangenheit.» Dies ist die Rubrik von Automobil-Vernunft, die sich Modellen und Versionen widmet, die sich in irgendeiner Form abgehoben haben. Wir erinnern uns gern an Maschinen, die uns früher träumen liessen. Komm mit auf diese Zeitreise hier bei Automobil-Vernunft.
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