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EU-USA-Handelsabkommen: Gegenseitige Anerkennung von Auto-Normen sorgt für Debatte

Roter SUV mit EU- und USA-Flagge im Hintergrund, ausgestellt in hellem Showroom mit Glasfenstern.

Das Handelsabkommen zwischen der Europäischen Union (EU) und den USA, das darauf abzielt, Importzölle auf europäische Produkte zu senken, sorgt weiterhin für Diskussionen.

Aktuell dreht sich die Debatte um Punkt 8 der gemeinsamen Mitteilung beider Seiten zum Handelsabkommen. Darin heisst es: „In Bezug auf Automobile beabsichtigen die USA und die EU, die jeweiligen Normen gegenseitig zu akzeptieren und anzuerkennen“.

Was Punkt 8 zur gegenseitigen Anerkennung von Auto-Normen bedeuten könnte

Da die Zulassungs- bzw. Homologationsvorschriften in der EU und in den USA nicht identisch sind, müssen Hersteller ein Modell heute oft anpassen, damit es in beiden Märkten verkauft werden darf. Genau dieser Abschnitt deutet an, dass beide Seiten die Standards des jeweils anderen anerkennen könnten – und damit eröffnet sich eine ganze Reihe möglicher Szenarien.

Die Formulierung gilt jedoch als unklar und lässt mehrere Lesarten zu, weshalb die Einschätzungen je nach Gesprächspartner auseinandergehen. Einige Analysten halten es für plausibel, dass ein Kompromiss dazu führen könnte, dass ein in den USA homologiertes Auto in den EU-Mitgliedstaaten verkauft werden dürfte, ohne die europäischen Sicherheits- und Emissionsanforderungen zu erfüllen (und umgekehrt).

Mitch Zajac, Handelsanwalt bei Butzel, sagte dazu gegenüber Automotive News: „Das reduziert die Pflichten der US-Hersteller in Bezug auf Fahrzeuge, die in den USA gebaut werden. Sie können exportiert und so gefahren werden, wie sie sind – ohne Probleme.“

Andere Stimmen gehen hingegen davon aus, dass Hersteller ihre Modelle weiterhin für jeden Markt anpassen müssten – allerdings mit Änderungen, die es den Staaten erlauben könnten, die Resultate der jeweils anderen Sicherheits-, Emissions- und Verbrauchstests anzuerkennen.

Für Jennifer Smith-Veluz, Anwältin für internationalen Handel bei Butzel, ist die Mitteilung ohnehin keine verbindliche Zusage. „Das bedeutet nur, dass die USA und die EU in diese Richtung arbeiten möchten. Die praktischen Details, wie das funktionieren würde, werden weiterhin Gegenstand von Verhandlungen sein“, erklärte sie.

Mögliche Einsparungen bei Homologationskosten

Sollten beide Seiten bei diesem Punkt tatsächlich eine Einigung erzielen, könnten die Folgen erheblich sein: Für europäische wie auch für US-Hersteller wären Einsparungen von Millionen Euro bei Homologations- und Zulassungskosten denkbar.

Reaktionen

Fest steht: Noch ist nichts entschieden. Trotzdem haben sich innerhalb der Europäischen Union bereits mehrere Akteure gegen die Idee positioniert, US-Fahrzeugen den Marktzugang zu erleichtern, ohne dass sie den geltenden Regeln entsprechen.

Antonio Avenoso, Exekutivdirektor des Europäischen Rats für Verkehrssicherheit, warnte: „US-Fahrzeuge auf Basis einer gegenseitigen Anerkennung von Normen in den EU-Markt zu lassen, ist ein Verrat an der europäischen Führungsrolle bei der Sicherheit und wird Leben kosten.“

Er ergänzte, Europa riskiere, von überdimensionierten und nur schwach regulierten US-Pick-up und SUV überschwemmt zu werden: „schwerere Fahrzeuge, gefährlicher für andere Lenker, Fussgänger und Velofahrende, und völlig im Widerspruch zur europäischen Vision einer sichereren und nachhaltigen Mobilität“.

In einer E-Mail an Automotive News Europe kritisierte zudem die Umweltorganisation T&E (Europäische Föderation für Verkehr und Umwelt) die Absicht der Europäischen Kommission. Der Vorwurf: Die Behörde tue so, „als ob monströse Pick-up, wie die Ram und Ford F-150, genauso sicher und sauber wären wie ein FIAT 500“.

„Wenn diese Absicht umgesetzt wird, werden 20 Jahre Fortschritt bei Sicherheit, Luftverschmutzung und Kohlendioxid über Nacht ausgelöscht.“
T&E (Europäische Föderation für Verkehr und Umwelt)

Unterschiedliche Normen

Die USA und die Europäische Union verfolgen bei Sicherheits- und Emissionsvorschriften für Autos unterschiedliche Ansätze. In den USA liegt der Fokus der Regeln stärker auf dem Schutz der Fahrzeuginsassen; in Europa steht demgegenüber der Schutz von Fussgängern und Velofahrenden besonders im Vordergrund.

Auch bei den Emissionen unterscheiden sich die Prioritäten: Die USA sind strenger bei Schadstoffen wie Stickoxiden (gesundheitsschädlich), während sich die EU vor allem auf die Senkung von CO₂ (Kohlendioxid) konzentriert.

Falls ein „gegenseitiges Anerkennen“ der Normen tatsächlich eingeführt würde, wirft das viele Fragen auf. Die zentrale lautet jedoch: Warum sollten europäische Kundinnen und Kunden überhaupt ein Interesse an in den USA gebauten Fahrzeugen haben?

Sam Abuelsamid, Vice President Market Research bei Telemetry, formulierte es so: „Obwohl ich sicher bin, dass die Trump-Regierung glaubt, das bedeute, dass Europäer plötzlich anfangen würden, Hunderttausende grosse Pick-up und SUV zu kaufen, die viel Benzin verbrauchen, ist die Marktrealität, dass diese Konsumenten das nicht eher tun werden als die Japaner oder die Koreaner.“


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