Mythos und Wirklichkeit: Raben und Wölfe
Die Verbindung zwischen Raben und Wölfen reicht bis in die nordische Mythologie zurück: Odins Vögel sollen vorausgeflogen sein und Beute zu den Hunden des Gottes gelenkt haben – eine Partnerschaft, die alle Beteiligten ernährte.
Ganz frei erfunden ist das nicht. Nach erfolgreichen Jagden von Wölfen werden Raben oft als erste am Ort des Geschehens beobachtet. Eine neue Studie, die am Donnerstag im Fachjournal «Science» erschienen ist, hat diese Legende nun wissenschaftlich überprüft.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Vögel nicht bloss den Jägern hinterherziehen. Stattdessen scheinen sie beim Aasfressen gezielt Navigations- und räumliche Gedächtnisleistungen einzusetzen.
Der Hauptautor Matthias-Claudio Loretto sagte gegenüber AFP, «Raben sind schon lange für ihre Intelligenz bekannt». Doch diese Fähigkeiten «in freier Wildbahn in einem viel grösseren Massstab» wirken zu sehen, habe für überraschende Befunde gesorgt.
Demnach liefen Raben den Wölfen nicht einfach hinterher – sie registrierten Muster von Rissen und bauten mentale Karten auf, die ihnen später bei der Nahrungssuche halfen.
Studiendesign im Yellowstone-Nationalpark mit GPS-Trackern
Das internationale Team stattete 69 Raben mit winzigen GPS-Trackern aus – eine beachtliche Zahl, wenn man bedenkt, wie aufwendig es ist, die besonders wachsamen Vögel überhaupt zu fangen.
«Schon kleine Veränderungen in ihrer Umgebung können sie misstrauisch machen», sagte Loretto, der an der Veterinärmedizinischen Universität Wien arbeitet und das Projekt am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie begonnen hatte.
Für die Wölfe lagen den Forschenden ausserdem Bewegungsdaten von 20 Tieren mit Halsbändern vor. Erhoben wurden sie im bekannten Yellowstone-Nationalpark, einem riesigen Schutzgebiet im Westen der USA, wo Wölfe Mitte der 1990er-Jahre nach 70 Jahren Abwesenheit wieder angesiedelt wurden.
Der Ort eignete sich aus Sicht der Autorinnen und Autoren in besonderer Weise.
«Diese Arbeit wäre nirgendwo ausser in Yellowstone möglich gewesen», sagte Mitautor und Wildtierforscher John Marzluff von der University of Washington.
Weil die Landschaft eher offen und nicht dicht bewaldet ist, liessen sich sowohl Vögel als auch Wölfe über grössere Distanzen vergleichsweise gut beobachten, erklärte er gegenüber AFP.
«Ausgefeilte» Tierkognition
Während zweieinhalb Jahren Beobachtungszeit waren die Forschenden zunächst irritiert: Sie fanden nur einen einzigen Fall, in dem ein Rabe einem Wolf länger als eine Stunde folgte – obwohl die Vögel trotzdem oft sehr schnell bei einem Riss auftauchten.
Erst eine genauere Auswertung zeigte, was dahintersteckt. Raben kehrten offenbar wiederholt an Orte zurück, an denen Wölfe häufig Beute machen – etwa an Stellen, wo Hirsche, Wapitis oder Bisons erlegt werden. Das spricht dafür, dass die Vögel eine «Ressourcenlandschaft» aufbauen und im Gedächtnis behalten.
Einige Tiere legten an einem einzigen Tag fast 155 Kilometer zurück, um gezielt Gebiete anzufliegen, in denen sie mit Wolfsrissen rechneten.
Das sei «ein viel grösseres Gebiet, als ich es mir je vorgestellt habe», sagte Marzluff.
Hinweise aus der unmittelbaren Nähe spielen dennoch eine Rolle: Auf kürzeren Distanzen könnten Raben beispielsweise Signalen wie Wolfsgeheul folgen, um frische Risse zu finden.
In der grossen Linie stützten sich die Vögel bei ihrer Suche jedoch, so die Forschenden, vor allem auf ihr Erinnerungsvermögen.
Wolfsrisse seien nicht zufällig verteilt, erklärte Loretto. Häufiger entstünden sie in flacherem Gelände oder in offenen Tälern, wo Verfolgungsjagden wahrscheinlicher sind.
Um ihre mentalen Karten zu verfeinern, könnten Raben sich an früheren Fressplätzen orientieren oder indirekte Hinweise wie Knochen wahrnehmen.
«Tierkognition in freier Wildbahn kann manchmal ausgefeilter sein, als wir gewöhnlich annehmen», sagte Loretto.
Ein ungleicher Handel
In der Populärkultur wird die Beziehung zwischen Wolf und Rabe mitunter als harmonisch dargestellt. Marzluff betonte jedoch, dass das Zusammenspiel am Ende recht einseitig ausfalle.
So wurde beobachtet, dass Wölfe nach den Vögeln schlagen, um sie zu vertreiben – teils wirke es sogar, als würde ein Rudelmitglied eigens als Wachposten abgestellt.
Zudem streiten die Vögel lautstark um die erbeuteten Fleischstücke, was andere Aasfresser aufmerksam machen kann.
Und ein einzelner Rabe kann rund 220 Gramm Fleisch wegtragen. Kommen Dutzende zusammen, kann selbst ein erlegter Bison rasch «verschwinden», sagte Marzluff.
«Raben ziehen aus diesem Geschäft viel mehr Nutzen als Wölfe», fügte er hinzu.
Der Forscher sagte, er hoffe, dass sich künftige Arbeiten darauf konzentrieren, wie Jungvögel dieses Wissen überhaupt erwerben.
«Raben faszinieren die Menschen seit jeher», sagte Marzluff und verwies darauf, dass die Tiere schon als alles Mögliche galten – von «Schöpfern und Tricksern» bis hin zu «opportunistischen Schädlingen».
Doch «nie hätten wir erwartet oder damit gerechnet, dass sie in ihren Gehirnen, die nicht viel grösser sind als dein Daumen, Informationen über Tausende Quadratmeilen speichern können», sagte er.
«Wir haben sie unterschätzt.»
© Agence France-Presse
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