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Volkswagen schliesst Entwicklungszentrum in Hefei ab: „In China for China“ startet

Weisser Volkswagen Elektroauto steht in modernem Showroom mit grossen Fenstern und futuristischer Inneneinrichtung.

Sechs Monate nachdem der Volkswagen Konzern seine bislang grösste Offensive in China vorgestellt hat, liegt nun das erste greifbare Resultat dieser Neuausrichtung vor: das fertiggestellte Entwicklungszentrum in Hefei.

Der Standort umfasst 100'000 Quadratmeter und ist so ausgelegt, dass Fahrzeuge von A bis Z entwickelt, getestet und validiert werden können – ohne Umweg über Wolfsburg. Damit verlagert Volkswagen erstmals in seiner Geschichte die komplette Entwicklungskette eines Modells vollständig aus Deutschland heraus: Software, Motoren, Batterien, Plattform und Design.

Mit der VCTC (Volkswagen Group China Technology Company) entsteht zugleich das grösste F&E-Drehkreuz des Konzerns ausserhalb Europas. Es ist der sichtbarste Baustein des Programms „In China for China“: Fahrzeuge im chinesischen Tempo entwickeln – mit Entwicklungszyklen, die bis zu 30% kürzer ausfallen sollen, potenziell 50% tieferen Kosten sowie lokaler Validierung von Software, Hardware und kompletten Systemen.

Hinter der Investition steht ein klarer Anspruch: Volkswagen will die Spitzenposition im chinesischen Markt zurückerobern. Zur Einordnung: Von 1993 bis 2023 war Volkswagen in China exakt drei Jahrzehnte lang die meistverkaufte Marke. Diese Stellung ging zuletzt an einen lokalen Akteur verloren, der zunehmend auch global Gewicht hat: BYD.

Oliver Blume, CEO des Volkswagen Konzerns, formulierte es in der Mitteilung unmissverständlich: „Wir haben alle Voraussetzungen geschaffen, um die nächste Generation intelligenter Fahrzeuge lokal zu entwickeln, zu testen und zu produzieren. Dieser Meilenstein macht uns schneller, effizienter und näher an den Kunden.“

Ralf Brandstätter, verantwortlich für das China-Geschäft, unterstreicht die gleiche strategische Dringlichkeit: „China ist der wettbewerbsintensivste Automobilmarkt der Welt. Die Kunden erwarten schnelle Innovation und kompromisslose Qualität. Deshalb haben wir unsere Entwicklungsfähigkeiten In China for China auf das nächste Level gehoben.“

100 Laboratorien: Volkswagen will in China Boden gutmachen

Das neue Areal bündelt über 100 Labors. Der Fokus liegt auf der Software–Hardware-Integration, Batterievalidierung, Motortests, EMC (elektromagnetische Verträglichkeit) sowie Dauerlauf-Prüfständen, die reale Bedingungen nachbilden. Allein im Batterie- und Powertrain-Bereich lassen sich pro Jahr 500 Systeme prüfen – von Leistungswerten bis hin zum Thermomanagement.

Damit schafft Volkswagen das Ökosystem, das in einem Markt nötig ist, in dem chinesische Hersteller Produkte in einem Tempo lancieren, das in Europa kaum ein Pendant hat. Gleichzeitig wird Software immer stärker zum kaufentscheidenden Faktor – etwa bei digitalen Cockpits, Fahrerassistenzfunktionen und drahtlosen Updates (OTA).

Ein Kernelement dieser Entwicklung ist die CEA, die China Electronic Architecture. Sie ist die erste Architektur des Volkswagen Konzerns, die gezielt für den chinesischen Markt entwickelt wird. Entstehen soll sie in Hefei gemeinsam mit CARIAD China – und zwar in nur 18 Monaten, ein Zeitplan, der sich mit klassischen europäischen Prozessen nahezu nicht nachbilden lässt.

Thomas Ulbrich, CTO der China-Organisation, fasst den Effekt so zusammen: „Wir können jetzt Software, Hardware und das komplette Fahrzeug parallel validieren. Entscheidungen fallen schneller, und wir bringen Innovationen deutlich effizienter zur Serienreife.“

Die deutsche Antwort auf das „chinesische Tempo“

Die Bedeutung reicht weit über ein einzelnes Entwicklungszentrum hinaus. Volkswagen war 30 Jahre lang die Nummer eins in China, verlor diese Position jedoch an lokale Schwergewichte wie BYD. Deren Aufstieg beruht unter anderem auf schnelleren Lieferketten, schlankeren Software-Strukturen und Modellen, die von Beginn an konsequent auf chinesische Kundenerwartungen ausgelegt sind.

Blume will den Konzern zum „globalen Technologiemotor der Automobilindustrie“ machen – und China ist dafür zur wichtigsten Rennstrecke geworden. Dass dieser Weg nicht einzigartig ist, zeigt ein Beispiel aus Europa: Renault setzte ein Signal mit der neuen Twingo-Generation, die in China und in Rekordzeit entwickelt wurde. Die Produktion dieses Modells bleibt jedoch in Europa.

Export, globale Validierung und das nächste Kapitel

Obwohl Hefei klar auf China ausgerichtet ist, soll der Standort auch als Validierungsbasis für weitere Märkte dienen. Volkswagen verfolgt das Ziel, die mit der Marke und deutscher Ingenieurskunst verbundene Qualität lokal festzulegen und zu testen – jedoch mit globaler Reichweite.

Für 2026 ist zudem das neue FIT Lab vorgesehen. Dort lassen sich extreme Umgebungen simulieren und der vollständige Zyklus „design–build–test–validate“ abbilden, den bislang Wolfsburg kontrollierte – nun aber in China… und für China.

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