Italiens Regierung treibt einen Plan in Milliardenhöhe voran, um eine neue Generation von Zerstörern zu beschaffen. Das Vorhaben wird die Fähigkeit der italienischen Marine prägen, gemeinsam mit NATO-Partnern zu operieren und den zentralen Mittelmeerraum bis weit in die 2050er-Jahre zu schützen.
Neue Zerstörer als Wendepunkt für die italienische Marine
Am 18. Februar startet Italien offiziell das Beschaffungsverfahren für zwei Zerstörer der nächsten Generation vom Typ DDX. Das Programm ist mit rund €2.7 Milliarden (bzw. $3.17 Milliarden) veranschlagt. Gebaut werden sollen die Schiffe von Orizzonte Sistemi Navali – einem Joint Venture, das bei italienischen Überwasserkampfschiffen bereits über umfassende Erfahrung verfügt.
Die grossen Einheiten sind als Ersatz für die Zerstörer der Durand-de-la-Penne-Klasse vorgesehen. Diese traten Anfang der 1990er-Jahre in Dienst und nähern sich dem Ende ihrer Nutzungsdauer. Der Wechsel ist damit nicht nur eine Altersfrage: Gleichzeitig steigen die Erwartungen, dass NATO-Marinen gestaffelte Luftverteidigung, Raketenabwehr sowie Optionen für Landangriffe bereitstellen.
"Das DDX-Programm zielt darauf ab, Italien auf dem Papier weniger Schiffe zu geben, aber auf See deutlich leistungsfähigere Plattformen."
Die Entscheidung in Rom fällt in eine Phase, in der das Mittelmeer wieder stärker in den Fokus rückt. Russische Aktivitäten, Instabilität in Nordafrika und zunehmender Druck auf maritime Handelsrouten haben sich in den letzten Jahren spürbar verschärft.
Vom Konzept zur Fertigung: ein Programm mit langer Vorgeschichte
Die Wurzeln des DDX-Projekts reichen ins Jahr 2020 zurück: Damals beauftragte das italienische Verteidigungsministerium eine Vorstudie für eine neue Zerstörerklasse. Der anfängliche Zeitplan war anspruchsvoll – zwei Jahre zur Risikoreduktion, ein Produktionsvertrag im Jahr 2023 und eine Auslieferung etwa fünf Jahre später.
Dieser Fahrplan geriet ins Rutschen. Das italienische Verteidigungsmedium Infodifesa berichtete, dass Schwierigkeiten bei der präzisen Festlegung der operativen Anforderungen den Produktionsvertrag um rund drei Jahre nach hinten verschoben. Diskutiert wurde insbesondere, wie stark ballistische Raketenabwehr, Landangriffsrollen und die Einbindung in NATO-Netzwerke gewichtet werden sollen.
Inzwischen wirken diese Punkte so weit geklärt, dass die Regierung die Beschaffung vorantreibt – ein Hinweis darauf, dass der Entwurf ausreichend gereift ist und die Finanzierung bereitsteht.
Weiterentwicklung der FREMM-Familie
Beim DDX handelt es sich nicht um eine komplette Neuentwicklung. Stattdessen soll das Design aus der FREMM-„Evolution“-Fregatte hervorgehen, die derzeit für die italienische Marine gebaut wird und ihrerseits auf der breit genutzten Mehrzweckfregatte FREMM basiert.
"Die neuen Zerstörer führen die FREMM-Linie weiter, skalieren sie jedoch bei Grösse, Feuerkraft sowie Führungs- und Kontrollfähigkeit deutlich nach oben."
Die Nutzung einer bewährten Rumpfform gibt Industrie und Marine zusätzliche Sicherheit: Technische Risiken sinken, während sich die Entwicklungsarbeit stärker auf Sensorik, Bewaffnung und Energiesysteme ausrichten kann, die für einen hochintensiven, vernetzten Konflikt ausgelegt sind.
Abmessungen, Besatzung und Leistung: so soll der DDX aussehen
Ausgehend von offiziellen Aussagen sowie früheren Briefings von Vizeadmiral Aurelio De Carolis wird der DDX als grosser Kampfschiffstyp erwartet.
- Länge: etwa 175 Meter (574 Fuss)
- Breite: rund 24 Meter (79 Fuss)
- Tiefgang: ungefähr 9 Meter (29 Fuss)
- Besatzung: mehr als 300 Personen
- Höchstgeschwindigkeit: über 30 Knoten (rund 35 mph / 56 km/h)
Mit diesen Eckdaten liegen die Schiffe klar in der Kategorie Zerstörer: grösser als Italiens heutige FREMM-Fregatten und mit deutlich mehr Volumen für Sensoren, vertikale Startzellen und Führungsräume.
Beim Antrieb ist eine CODOGAL-Konfiguration vorgesehen – Combined Diesel or Gas and Electric. Konkret bedeutet das: Für hohe Sprintgeschwindigkeit kommen Gasturbinen zum Einsatz, während Dieselmaschinen und ein elektrischer Antrieb effizientes Marschieren und bessere akustische Eigenschaften ermöglichen. Dieses Konzept verbindet Kraftstoffeffizienz, Ausdauer und schnelle Reaktionsfähigkeit.
Bewaffnung und Sensoren: Schwerpunkt Luftverteidigung und Landangriff
Das Kernstück des DDX ist das Gefechtssystem. Erwartet werden sechs Module eines Vertical Launch System (VLS) mit je acht Zellen – insgesamt also 48 Startzellen, die vor allem für Aster-Flugabwehrraketen vorgesehen sind.
"Mit bis zu 48 vertikalen Startzellen sind die neuen Zerstörer darauf ausgelegt, als hochklassige Luftverteidigungseskorten für Träger- und amphibische Verbände zu dienen."
Die Aster-Familie ermöglicht gestaffelten Schutz gegen Flugzeuge, Drohnen und anfliegende Lenkwaffen. In Kombination mit moderner Radar- und Sensortechnik soll der DDX damit italienische wie auch verbündete Einheiten in umkämpften Einsatzräumen abschirmen können.
Zusätzlich ist eine Fähigkeit zum Angriff auf Landziele vorgesehen. Italienische Stellen verwiesen dabei auf eine mögliche maritime Variante des SCALP-Marschflugkörpers oder auf den Seezielflugkörper Teseo Mk2/E, der auch Landzieloptionen in Küstenräumen bietet. Damit erhielte Rom ein präzises, weitreichendes Instrument, um beispielsweise Radarstellungen, Gefechtsstände oder logistische Knotenpunkte an Land zu bekämpfen.
Auch der Bordflugbetrieb bleibt ein zentrales Element. Ein grosses Achterdeck samt Hangar soll entweder zwei Marinehelikopter vom Typ EH101 oder zwei SH90 aufnehmen können. Diese Luftfahrzeuge erweitern die Reichweite für U-Boot-Jagd, Suche und Rettung sowie Zielzuweisung ausserhalb der Sichtlinie.
Voraussichtliche DDX-Zerstörer-Rollen in NATO-Operationen
Im Einsatz dürften Einheiten der DDX-Klasse prädestiniert sein – sowohl als Flaggschiff wie auch als Begleitschutz in Einsatzgruppen. Erwartete Aufgaben sind unter anderem:
- Luftverteidigung über grössere Räume für italienische und verbündete Schiffe
- Abwehr ballistischer Raketen und Marschflugkörper in Abstimmung mit NATO-Fähigkeiten
- Unterstützung durch Landangriffe bei Krisenreaktionen oder begrenzten Konflikten
- U-Boot-Abwehr durch Schiffssensoren und eingeschiffte Helikopter
- Führungsplattform für multinationale maritime Einsatzverbände
Der zeitliche Rahmen passt damit zu den breiteren NATO-Bemühungen, die integrierte Luft- und Raketenabwehr an Europas Südflanke zu stärken.
Kosten, Industrie und politische Dimensionen
Mit geschätzten €2.7 Milliarden für zwei Rümpfe ist das DDX-Programm für Rom ein bedeutender finanzieller Schritt. In den Kosten enthalten sind die Schiffe, die Bordausrüstung sowie ein Teil der Entwicklungs- und Integrationsleistungen.
Orizzonte Sistemi Navali – getragen von Fincantieri und Leonardo – soll Bau und Systemintegration verantworten. Das Vorhaben dürfte qualifizierte Arbeitsplätze in italienischen Werften stützen und Folgeaufträge für Instandhaltung, Ausbildung und spätere Modernisierungen nach sich ziehen.
"Der DDX-Vertrag bindet Italiens Schiffbauindustrie an eine lange Produktions- und Support-Pipeline und stärkt damit ihre Rolle im europäischen Marinemarkt."
Politisch signalisiert der Schritt, dass Italien auf See gezielt in harte militärische Fähigkeiten investiert – und nicht nur in Küstenwache- und Patrouillenmittel. Gleichzeitig positioniert sich das Land als möglicher Partner für Exportvarianten, vor dem Hintergrund einer weltweit wachsenden Nachfrage nach modernen Zerstörern und Luftverteidigungsschiffen.
Weshalb Zerstörer in raketengesättigten Meeren weiterhin zentral sind
Marinen sehen sich mit der Verbreitung günstiger Drohnen, weitreichender Anti-Schiff-Raketen und immer leistungsfähigeren U-Booten konfrontiert. Grosse Überwasserkampfschiffe wirken dabei schnell wie naheliegende Zielscheiben. Trotzdem bleiben sie entscheidend, weil sie Radarleistung, Langstreckenbewaffnung und Führungszentren aufnehmen können, die auf kleineren Plattformen nur schwer unterzubringen sind.
In einer Krise an Nadelöhren wie der Strasse von Sizilien oder im östlichen Mittelmeer könnte eine Einsatzgruppe unter Führung eines DDX Luftschutz für Handelsschiffe bereitstellen, feindliche Lenkwaffen abfangen und Bodentruppen mit Präzisionsschlägen unterstützen. Übungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass solche Mehrzweckschiffe häufig das Rückgrat gemeinsamer Operationen bilden.
Zentrale Begriffe und Konzepte hinter dem Projekt
Rund um das DDX-Programm tauchen mehrere technische Ausdrücke auf, die zunächst sperrig wirken. Zwei davon sind besonders hilfreich zu erklären.
Was CODOGAL in der Praxis bedeutet
CODOGAL – Combined Diesel or Gas and Electric – beschreibt, wie Motoren und Elektromotoren mit den Propellern gekoppelt sind. Im Routinebetrieb, etwa bei Patrouillen, kann die Besatzung effiziente Dieselmotoren und den elektrischen Antrieb nutzen. Das senkt den Treibstoffverbrauch und reduziert Geräusche – ein Vorteil für die U-Boot-Abwehr.
Wenn es auf schnelle Verlegung ankommt, zum Beispiel beim Abfangen eines unbekannten Kontakts oder beim Umpositionieren unter Raketenbedrohung, lassen sich die Gasturbinen zuschalten und liefern einen kräftigen Geschwindigkeitsschub. Der Wechsel zwischen den Betriebsarten schafft taktische Flexibilität, ohne dass das gesamte Maschinenlayout neu konzipiert werden muss.
Vertikale Startsysteme und warum sie wichtig sind
Ein vertikales Startsystem besteht aus einem Raster von Zellen, das im Deck des Schiffs integriert ist. In diesen Zellen stehen die Lenkwaffen und werden senkrecht nach oben gestartet, bevor sie auf das Ziel eindrehen. Dieses Prinzip erlaubt es, unterschiedliche Flugkörpertypen auf derselben Fläche mitzuführen.
Für den DDX heisst das: primär Aster-Flugabwehrwaffen – und perspektivisch auch Landangriffs- oder Anti-Schiff-Lenkwaffen. Damit entsteht die Möglichkeit, die Bewaffnung je nach Auftrag anzupassen, je nachdem, ob Luftverteidigung, Schlagkraft oder eine Kombination im Vordergrund steht.
Während Italien die DDX-Beschaffung nun vorantreibt, bleiben Fragen zu den genauen Auslieferungsdaten, der finalen Waffenwahl und der Einbindung in sich weiterentwickelnde NATO-Raketenabwehrnetzwerke offen. Klar ist jedoch: Rom setzt mit hohen Investitionen auf maritime Spitzenfähigkeiten und geht davon aus, dass moderne Zerstörer über Jahrzehnte ein zentrales Instrument staatlicher Machtprojektion auf See bleiben.
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