Offene, luftige Küchen lösen leise die überladenen, kastenförmigen Grundrisse ab – und ein einst „unantastbares“ Element der klassischen Küchenplanung verschwindet gerade.
In Italien und in vielen anderen Teilen Europas überdenken Planerinnen und Planer, wie Teller, Gläser und Vorräte am sinnvollsten verstaut werden. Die hohen Oberschränke, die früher fast jede Küche wie eine durchgehende Wand eingefasst haben, werden zunehmend entfernt. An ihre Stelle tritt eine Kombination aus tiefen Auszügen, niedrigen Stauräumen und schlichten Regalen: Alles bleibt in Griffnähe, während Licht und Luft besser durch den Raum fliessen.
Warum hohe Oberschränke ihren Status verlieren
Über Jahrzehnte war die Logik in der Küchenplanung nahezu immer gleich: unten Unterschränke, darüber die Arbeitsplatte – und ganz oben ein breites, massives Band aus Hängeschränken. Dieses Konzept funktionierte, brachte aber klare Nachteile mit sich.
Die hohen Schrankreihen nahmen dem Raum Helligkeit. In kleineren Küchen wirkten sie wie ein zusätzlicher „Deckel“ und liessen alles enger erscheinen. Und für viele Menschen waren die oberen Fächer schlicht schlecht erreichbar – am Ende wurden sie zur Ablage für kaum genutzte Geräte und Tassen mit abgesplittertem Rand.
Designerinnen und Designer sagen, dass heute Komfort auf Augen- und Armlänge wichtiger ist als Stauraum, der so hoch gestapelt ist, dass man einen Tritthocker braucht.
Hinzu kommt: Die Rolle der Küche hat sich verschoben. Sie ist längst nicht mehr nur Kochzone, sondern auch Ort für E-Mails, Hausaufgaben, Besuch von Freundinnen und Freunden – und fürs Ausprobieren ambitionierter TikTok-Rezepte. Diese Mehrfachnutzung verlangt nach ruhigen Flächen, weniger sichtbarem Durcheinander und Stauraum, der Alltagsabläufe unterstützt statt sie zu erschweren.
Die neue Lieblingskombination: grosse Auszüge und leichte Regale
Die Lösung, die in Hochglanzmagazinen ebenso auftaucht wie in echten Wohnungen, ist erstaunlich unkompliziert. Statt die Wand mit wuchtigen Schränken zu füllen, setzen viele Konzepte auf zwei Bausteine:
- grosszügige, tiefe Schubladen oder ausziehbare „Korb“-Auszüge unter der Arbeitsplatte
- schlanke, oft offene Regale an der Wand statt deckenhoher Hängeschränke
Beides ergänzt sich: Die Auszüge übernehmen den Grossteil des Stauraums und verstecken ihn. Die Regale geben der Wand optisch einen Abschluss und halten die wichtigsten Dinge sofort verfügbar.
Tiefe Auszüge, die den Raum wirklich ausnutzen
Heutige Küchenauszüge haben wenig mit den flachen, wackligen Schubladen von früher gemeinsam. Moderne Systeme laufen ruhig, tragen viel Gewicht und nutzen die Tiefe Zentimeter für Zentimeter.
Sie lassen sich vollständig herausziehen – dadurch ist der gesamte Inhalt auf einen Blick sichtbar. Man muss nicht mehr vor einem dunklen Schrank knien und bis in die hinterste Ecke greifen, um eine vergessene Pfanne hervorzuziehen.
Mit Auszügen kommt der Stauraum zu Ihnen – statt dass Sie klettern oder sich bücken müssen, um an den Stauraum zu gelangen.
Entscheidend sind dabei Einsätze, Trennsysteme und Organizer. Wird ein grosser Auszug in klare Zonen gegliedert, lassen sich Teller hochkant aufreihen, Pfannen und Deckel in separaten Führungen verstauen oder Vorratsgläser so gruppieren, dass die Etiketten jederzeit lesbar bleiben.
Minimalistische Regale, damit die Wand „atmen“ kann
An der Wand ist Leichtigkeit gefragt: schmale Regalbretter aus Holz oder Metall statt voluminöse Kästen. Häufig sitzen sie oberhalb des Spritzschutzes und enden deutlich unter der Decke.
Diese Regale erfüllen im Alltag drei Aufgaben:
- Sie schliessen die Wand gestalterisch ab, ohne das Licht zu blockieren.
- Dinge des täglichen Gebrauchs – Kaffeetassen, Olivenöl, Gewürzgläser – bleiben sichtbar und schnell erreichbar.
- Persönlichkeit kommt über Kochbücher, kleine Pflanzen oder Keramikstücke in den Raum.
Weil offene Regale flach sind, wirken sie nicht so, als würden sie die Arbeitsplatte „nach unten drücken“. Wer empfindlich auf visuelles Chaos reagiert, reduziert meist automatisch: Es bleibt nur das stehen, was wirklich verwendet oder geliebt wird.
Wie diese Aufteilung den Küchenalltag verändert
Der Wegfall hoher Oberschränke verändert nicht nur die Optik – er beeinflusst auch Bewegungsabläufe und das Kochen.
| Alte hohe Oberschränke | Alternative aus Auszügen + Regalen |
|---|---|
| Stauraum oberhalb der Schulterhöhe gestapelt | Der meiste Stauraum zwischen Hüft- und Brusthöhe |
| Oft nur mit Tritt oder Hocker erreichbar | Auch für Kinder oder ältere Erwachsene gut zugänglich |
| Schatten über der Arbeitsplatte | Mehr Tageslicht auf der Arbeitsfläche |
| Obere Fächer lassen sich schwer ordentlich halten | Beim Öffnen eines Auszugs ist alles sichtbar |
Gerade in kleinen Wohnungen kann das einen grossen Unterschied machen. Eine Reihe klobiger Oberschränke zu entfernen, lässt den Raum sofort offener wirken. Zusammen mit hellerer Farbe oder hellen Platten/Fliesen kann die Küche nahezu wie um eine ganze Grösse wachsen – ohne dass sich am Grundriss etwas ändert.
Wer besonders profitiert, wenn hohe Schränke wegfallen
Natürlich sind die Anforderungen je nach Haushalt unterschiedlich, doch einige Gruppen gewinnen von dieser Entwicklung besonders stark.
Familien mit Kindern
Wenn mehr Stauraum unten liegt, können Kinder beim Tischdecken helfen, den Geschirrspüler ausräumen oder ihre Snacks holen, ohne auf einen Stuhl klettern zu müssen. Ein bis zwei flache Auszüge lassen sich gezielt für ihre Kunststoffteller, kleines Besteck und Lunchboxen reservieren.
Menschen mit eingeschränkter Beweglichkeit
Wer Mühe hat, über Schulterhöhe zu greifen, empfindet hohe Schränke schnell als belastend. Eine Reihe von Auszügen auf Hüfthöhe ermöglicht, alles von Töpfen bis Frühstücksflocken bequem zu verstauen – und entlastet Schultern und Rücken.
Hobbyköchinnen und -köche, die ihr Werkzeug sehen möchten
Offene Regale passen gut zu Menschen, die oft kochen. Wenn Öle, Gewürze, Tees und Lieblingsschalen sichtbar sind, entfällt das Suchen. Solange man gelegentlich entstaubt, bleibt die offene Lösung praktisch und attraktiv.
Design-Tricks, damit Küchen ohne Oberschränke funktionieren
Oberschränke einfach herauszureissen, ohne das Untere neu zu planen, kann nach hinten losgehen. Erfolgreich wird das Konzept, wenn unten klug kompensiert wird – und wenn man ehrlich prüft, wie viel man tatsächlich besitzt.
Ob eine Küche ohne hohe Schränke funktioniert, hängt weniger von Quadratmetern ab als davon, wie konsequent man den eigenen Bestand reduziert.
Planerinnen und Planer nennen häufig folgende Leitlinien:
- Wo der Raum es zulässt, tiefere Unterschränke wählen (zum Beispiel 70cm statt der üblichen 60cm).
- Mindestens einen hohen Vorratsschrank einplanen, idealerweise mit Auszugssystemen, an einer Seitenwand.
- Eckauszüge oder drehbare Tablarlösungen nutzen, damit keine toten Zonen entstehen.
- Mindestens ein „Abstellzone“-Regal nahe beim Kochfeld und eines nahe bei der Kaffeemaschine vorsehen.
Auch die Materialwahl spielt eine Rolle. Dickere Holz- oder Steinregale wirken stabil und bewusst gesetzt, während schlankes Metall in kleinen oder sehr modernen Küchen gut funktioniert. Konsolen können für einen schwebenden Eindruck verdeckt werden – oder sichtbar bleiben, wenn ein industrieller Look gewünscht ist.
Und was ist mit Staub, Fett und dem echten Küchenchaos?
Skeptikerinnen und Skeptiker stellen oft dieselbe Frage: Sammeln offene Regale nicht einfach Fett? In der Praxis hängt vieles von Position und Gewohnheiten ab.
Regale direkt über dem Kochfeld müssen häufiger gereinigt werden. Darum lassen viele aktuelle Planungen diesen Bereich bewusst frei, setzen dort auf einen einfachen Spritzschutz und platzieren die Regale etwas weiter weg – über einer Arbeitsfläche, die eher zum Vorbereiten als zum Braten genutzt wird.
Hilfreich ist auch, bewusst auszuwählen, was auf den Regalen steht. Dinge, die man täglich anfasst – Gläser, Teller, Gewürze – werden durch die ständige Nutzung quasi „mitgereinigt“. Dekorative Stücke weiter oben brauchen meist nur alle paar Wochen einen feuchten Wisch.
Umstellung planen: Fragen vor der Renovation
Wer über diesen Schritt nachdenkt, kann mit einer schnellen Bestandsaufnahme beginnen. Alles aus den aktuellen Oberschränken auf den Tisch legen und sich ehrlich fragen: Brauche ich das wirklich alles?
Viele Eigentümerinnen und Eigentümer stellen fest: Sobald Doppelgeräte und altes Geschirr weg sind, ist das tatsächlich benötigte Volumen deutlich kleiner als gedacht.
Anschliessend hilft eine Skizze, wie der Stauraum neu verteilt werden könnte:
- Alltags-Teller und -Schüsseln: ein bis zwei tiefe Auszüge nahe beim Geschirrspüler.
- Pfannen und Deckel: ein Auszug mit vertikalen Trennstegen, nahe beim Kochfeld.
- Trockenvorräte: ein hoher Vorratsschrank mit Auszügen oder Innenauszügen.
- Selten genutzte Servierplatten: in höheren Bereichen eines Hochschranks oder Sideboards, nicht in der Hauptkochzone.
Diese Übung zeigt oft sehr klar, dass tiefe Auszüge, ein gut durchdachter Hochschrank und ein paar offene Regale eine ganze Reihe klassischer Hängeschränke ersetzen können – ohne dass die Küche an Alltagstauglichkeit verliert.
Zusätzliche Details: Licht, Akustik und Atmosphäre
Wenn die Wand über der Arbeitsplatte frei wird, entstehen neue Möglichkeiten für die Beleuchtung. Statt eines dunklen Lichtstreifens unter Schränken lassen sich schlanke LED-Leisten, Wandleuchten oder sogar ein kleiner Pendel über einer Frühstücksecke einsetzen. Das Licht reflektiert an der freien Wand, wodurch Arbeiten weniger anstrengend für die Augen werden.
Auch akustisch kann sich etwas verändern. Grosse Schrankflächen wegzulassen beeinflusst, wie sich Schall im Raum verteilt – besonders in offenen Grundrissen. Manche Designerinnen und Designer gleichen das mit weichen Elementen aus: ein Teppich unter dem Esstisch, Stoffrollos oder Akustikpaneele, die als Kunst getarnt sind, sorgen für angenehmere Gespräche.
Wer zur Miete wohnt oder ein knappes Budget hat, muss nicht gleich alles umbauen. Ein Teilversuch ist möglich: ein paar Oberschränke entfernen, die Wand ausbessern und streichen, danach zwei bis drei stabile Regale montieren. Kombiniert mit einem neuen Ordnungssystem in den bestehenden Unterschränken kann man einige Monate im Hybrid-Layout leben – und merkt schnell, ob die alten Schränke überhaupt vermisst werden.
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